Wie Fliegen

Er sitzt immer auf demselben Baum.
Manchmal tut er das wie ein Affe: In hockender Position, mit rundem Rücken, bereit zum Sprung, die Hände lose auf nahen Ästen. An anderen Tagen sitzt er da wie ein kleiner Junge auf dem Umschlag eines Kinderbuchs: Mit den Beinen über der Leere schaukelnd, fast freihändig, den Blick in die Ferne gerichtet… Aber der Baum gehört zu ihm; so wie man sich manche Menschen nicht ohne Bart vorstellen kann; oder ohne Make-up.

Die Welt basiert auf Regeln. Aber nicht nur das. Sie ist auch voll davon. Am schlimmsten – das weiß ich inzwischen – sind die Regeln, die niemals jemand aufschreibt. Geschriebene Regeln sind Beweise. Sie sagen dir, dass du alles richtig gemacht hast. Doch wenn das Befolgen ungeschriebener Regeln nicht zum gewünschten Ergebnis führt… Wie kannst du dir sicher sein, dass sie überhaupt existiert haben?
Mir war damals nicht klar, was es bedeuten kann, anders zu sein.
Jeder kennt die Regeln von Mensch-Ärgere-Dich-Nicht: Du würfelst, du ziehst zu deinem Vorteil und wenn du die Wahl hast, tust du es auf eine Art und Weise, dass die anderen nicht dir die Schuld geben; wenn sie am Ende verlieren.
Er kannte die Regeln nicht.

In meiner Erinnerung jedenfalls, da sitzt er auf diesem Baum und wirft einen nachdenklichen Blick auf die Landschaft.
Von diesem Platz aus, liegt der Campus der Universität direkt gegenüber auf dem anderen Hügel. Das tut er wirklich und das ist unheimlich praktisch, denn so muss ich an dem Anblick nicht allzu viel verändern; es sieht wirklich genau so aus. Nur der Baum, der ist eigentlich nicht da.

Einmal – so etwas kam selten vor – war er dabei, als ich mit einigen anderen über das Universitätsgelände schlenderte. Mittagspause, strahlender Sonnenschein. Da meinte einer, er wolle uns dringend etwas zeigen. Natürlich langweilten wir uns ohnehin alle…
Also gingen wir um einige der Gebäude herum und bestiegen eine Feuertreppe. Die Nicht-Betreten-Schilder waren schon lange abgefallen, aber natürlich wussten wir alle, dass es verboten ist. Auf der Feuertreppe kletterten wir zwei Stockwerke nach oben und standen dann auf einem der Fluchtbalkone. Jedes Stockwerk hat einen, der sich über die ganze Gebäudeseite erstreckt. Wir folgten dem Balkon bis um die nächste Ecke und machten dort vor einem Fenster halt.
Das Fenster war von innen abgeklebt mit einer ehemals durchsichtigen Folie, sodass sich zwischen dem Glas und der Folie ein schmaler Zwischenraum befand. Und dieser Raum war angefüllt mit toten Fliegen, eine über der anderen, wie ein absurdes Mosaik; die Flügel zerbrochen und angestaubt.
Wir sind ja eine zivilisierte Gesellschaft. Ich glaube, das bedeutet wir sind wie ein gut eingespielter Chor. Jemand schlägt die ersten Takte an und wir singen alle dasselbe Stück, ohne uns vorher abzusprechen. So standen wir also dort auf dem Balkon und zelebrierten unseren Ekel; um aus ein paar toten Tieren ein Erlebnis zu machen, das den Zusammenhalt unserer Gruppe stärken würde. Nur er lehnte da am Geländer – den Fliegen zugewandt – und sprach nachdenklich ins Leere:
Ob die Universität nicht wäre wie ein künstlicher Wald, den man erst in klaren, sauberen Reihen pflanzt und dann verwildern lässt. Ob es nicht im ganzen Studium der Fall sei, dass es zwar geschriebene Regeln gäbe, dass aber jeder – wenn er nur genug Einfluss hat – sie nach seinem Belieben verbiegen könne, bis sie kaum noch jemand verstünde?
Nur er konnte solche Dinge sagen und nur er sagte solche Dinge in dermaßen unpassenden Momenten und auf eine Art, dass man davon mitten am Tag eine Gänsehaut bekam.
Nun war es so, dass ihm ohnehin niemand zugehört hatte. Und hätte ich es ebenso gehalten, wäre vermutlich gar nichts passiert. Stattdessen aber antwortete ich. „Ich weiß nicht. Mir scheint, du weißt sehr genau, wie du zurechtkommst“.
Danach schien er ab und an zu denken, ich würde ihn ernst nehmen.

Ich glaube, es ist in Brasilien, da holzen sie den Urwald ab.
In meiner – vielleicht ein wenig falschen – Erinnerung sitzt er also auf diesem Baum und sieht, wie sie dasselbe auch hier tun. Er starrt zur Universität hinüber. Dort reißen sie Bäume aus und betonieren Rasenflächen, damit sie ein neues Gebäude bauen können. Sie stellen die Betonklötze einen neben den anderen. Ein in säuberlichen Reihen gepflanzter, künstlicher Wald.
Er sieht noch mehr. Dinge, die er von da oben gar nicht sehen kann; aber er weiß ja, dass sie da sind. Er sieht Fenster, die von innen mit Pappe verschlossen sind, um den Raum dahinter dunkel zu halten. Ein Pilz, der sich langsam vorwärts frisst. Er sieht die toten Fliegen. Das Abendessen eines Aasfressers. Erst eingefangen, dann vergessen. Von seinem Baum aus sieht er den Efeu, der sich langsam von der Rückseite am Hauptgebäude hinaufarbeitet. Ganz langsam drückt er Löcher ins Dach und lässt die Fäulnis herein. An anderen Stellen bröckelt der Beton. Die gleichen Blöcke, die sie woanders gerade einpflanzen. Nur älter.
Wenn schließlich am Abend endlich die Sonne untergeht… Dann sitzt er immer noch auf seinem Baum und begegnet dem gelben Blick des Untiers mit den hundert Augen, das auf dem anderen Hügel lauert. Dieses Wesen, mit dem hat er sich arrangiert.

Heute glaube ich, besser zu verstehen, wie er die Welt gesehen hat; doch ich stimme ihm nur teilweise zu. Die Strukturen um uns herum mögen verwirrend sein; aber am Ende verbirgt sich dahinter noch immer der säuberlich gepflanzte Wald. Eine Monokultur verwildert nicht von heute auf morgen. Das eigentliche Problem sind die Menschen innerhalb dieser Strukturen. Sie beugen nicht nur vorhandene Regeln; sie erschaffen ihr ganz eigenes Chaos, in dem wir alle leben müssen und es können darin nur solche Wesen existieren, die all die ungeschriebenen Gesetze kennen. Wer sie nicht kennt, der wird gefressen. Nicht von dem Untier; von den Fliegen.

Es war an diesem einen Abend. Da saß ich mit einigen anderen noch sehr spät vor den Gebäuden zusammen und wir sprachen über so manches… Und die meisten hatten auch getrunken.
An diesem Abend sagte ich zu einer Freundin – aber er saß auch dabei – die Professoren sollten uns lieber den echten Himmel erklären; anstatt über abstrakte Gesetze zu debattieren, die ohnehin nur in der Vorstellung von Wissenschaftlern wirklich relevant seien. Da mischte er sich von der Seite ein – ich gestehe, ich weiß seinen Namen nicht – und meinte, ich solle ihn einfach einmal begleiten. Er kenne da einen tollen Ort, dort könne er mir alles erklären.

In meiner verzerrten Erinnerung sitzt er dort auf dem Baum. Natürlich sollte es eine Aussichtsplattform sein; aber der Baum passt viel besser zu ihm.
Jedenfalls sitzt er da und spricht in die Leere, dass er auf mich gewartet hätte. Und wieder antworte ich und sage: „Ich weiß“. Manchmal. Ein andermal sage ich das Gegenteil: „Das wusste ich nicht“ und dann wieder: „Das freut mich“, obwohl ich mir da nicht sicher bin.

An diesem einen Abend also, da meinte er – einfach so – ich solle ihn mal begleiten. Und ich weiß noch genau meine Antwort: „Diese Woche ist bei mir schon ziemlich voll“. Aber das machte ihm nichts; er sei ja ohnehin jeden Sonntag dort. Ich solle einfach irgendwann mal vorbeikommen. „Ja“, sagte ich darauf. „Ich komm mal vorbei“.

Jedenfalls gibt es da dieses Detail, das mich immer wieder stört. Denn in meiner Erinnerung sitzt er auf seinem Baum und sieht zu dem Untier auf dem anderen Hügel hinüber. Doch wann immer er tatsächlich auf diesem Baum sitzt, sind die Fenster der Universität selbstverständlich dunkel und man kann die Gebäude nicht sehen.