• Bittersüß

    Mit Bitterkeit im Herzen
    steht die Nacht still
    Wind im Fell aus gefrorenem Glas
    und Augen wie Schneekugeln

    Bitterkeit des Herzens
    In den Straßen knirschen sie schon
    die Blätter der Herbstbäume
    begraben unter frühem Frost

    Tränen der Bitterkeit
    lauern über meinem Fenster
    kriechen über die Scheibe
    wie ein halbflüssiges Tier

    Bitterkeit der Nacht
    kreist wie Wasser im Leben
    verzerrt die Sicht wie Eis
    und wäscht sie rein wie Regen

  • Besitzlose Namen

    Ich habe Namen gesucht
    Viele, zu viele Namen
    Gerufen von Stimmen
    unserer Gegenwart
    die niemals mehr Antwort erhalten

    Wenn Andere dann irgendwann
    auch einmal Namen suchen…
    Wird meiner dabei sein?

  • Auf der falschen Seite der Haustür

    Ich habe mich heute schick gemacht
    Wofür?
    Weiß ich nicht mehr…

    Mir gegenüber sitzen
    zwei Männer
    Vielleicht Mitte 20

    Beide gleich
    voneinander abgerückt

    Beide tragen Mütze und Weste
    und Kapuzen an leichten Jacken
    Der eine dazu eine Brille
    Der andere Kopfhöhrer
    Beide am Handy
    Einer mit Bier
    Ich mit meinem Salamibrot
    Ein totes Tier zwischen langkettig verzweigten
    und fest verknoteten Strukturen

    Ich habe mich heute schön gemacht
    Für wen?
    Weiß ich nicht mehr…

    Mir gegenüber: Zwei Männer
    Beide gleich abwesend

    Sie fluchen harmonisch im Takt der Musik
    Der eine weil er mitsingt
    Der andere weil er es hasst
    Der eine blickt entspannt
    mit dem Bier in der Hand aus dem Fenster
    Der andere starrt mit gefalteter Stirn
    die Finger verkrampft auf das Telefon
    Und würde ich nicht hier sitzen
    ich bin mir sicher
    lägen vier Schuhe auf meinem Platz

    Bin heute lange Zug gefahren
    Wohin?
    Weiß ich nicht mehr…

    Mir gegenüber
    seufzen zwei Männer

    Beide gleich
    abgeschottet
    obwohl sie gleichzeitig aussteigen
    und innig böse Blicke tauschen

    Jetzt schmeckt mein Brot nach Verwesung
    Unerträglich künstliche Süße
    und die Angst aus dem Rausch zu erwachen

  • Atem im Wind

    Ausatmen
    Und die Luft
    streicht durch Glöckchen
    fliegt zwischen ihnen hindurch
    tönt wie ein Lufthauch
    im fernen Wald
    Nichts regt sich

    Einatmen
    Und der Lufthauch
    warm und eisig
    unmerklich auf der Haut
    tönt in den Blättern
    wie eine ferne Straße
    fegt sie hinab in mein Haar
    Dann Stille

    Ausatmen
    Und unter der fernen Straße
    tobt der Wind um Brückenpfeiler
    schlägt Äste und Steine
    ans metallene Geländer
    bis die Stütze vor dem Abgrund
    klagend singt wie ein Glockenschlag
    Dann Stille

    Einatmen
    und irgendwo in der Ferne
    streicht der Wind durch Glöckchen
    fliegt zwischen ihnen
    und durch sie hindurch
    Dann klingt
    ein Windspiel im Wind

    und mein Herz regt sich

  • Arroganz wird fallen

    Du siehst zu mir hinab
    und es wirft Schatten
    auf meine Seele
    und Licht in meine Träume
    Doch vergeblich suche ich den Hass
    als könne man tatsächlich
    seine Feinde lieben

    Was hast du mir gegeben?
    Außer dem Gefühl
    ein Nichts zu sein
    nach dem sich alle Menschen sehnen
    ohne Schuld an der Welt
    Das war dein Geschenk

    Der Sieg über dich
    wird einst mein größter sein
    Der Adler am Himmel
    der die eigenen Flügel bricht

  • Alternde Lyrik

    Sind wir denn wirklich verändert?
    Uns treibt doch noch immer
    dieselbe alte Angst
    Heute genauso wie damals
    Ich fühlte mich jedes Jahr anders
    Doch das bedeutet nichts

    Können wir Sinnlosigkeit wollen?
    Sollten wir nicht schon weiter sein?
    Ich glaube wir leben
    in besinnungslosen Kreisen
    und besinnungslos
    umwandern wir das Zentrum
    in einer Spirale nach außen
    So ertrinken wir tief unter Wasser
    Folgen der Spiegelung
    mit dem Rücken zum Licht

  • Wo alle Wege enden

    Wiederhole diese Worte in dir
    so lange bis sie wahr sind
    Hier gibt es nichts für uns zu finden
    Und wir werden uns beruhigen
    werden all die Versprechen vergessen
    und uns abfinden mit dem was ist
    Weil es schließlich nur so ist
    wie es immer schon war

  • Sterbende Stille

    Ich schenke der Stille ein Schweigen
    wie einen Blumenstrauß
    und zünde ein Lächeln für sie an
    Eine rote Kerze am Wegesrand

    Jedes Glitzern meiner Augen
    das sich in deinen spiegelt
    ist ein Trauergesang
    für deine perfekte Lautlosigkeit,
    die ich tragen will, wie einen Mantel
    die ich darum von dir stehle

    Seltsames Wissen um den Moment
    Denn jedes Mal wenn wir gemeinsam
    dem Schweigen verfallen
    fällt deine Stille ein wenig tiefer
    in ihr lang prophezeites Grab

  • Lavendel

    Die Luft riecht so sehr nach Lavendel
    dass sie schwer wird, in meinem Atem
    Und doch spüre ich den Winter
    in jedem Ding, das ich berühre
    Es sind meine Hände, die frieren

    Dieser Tag erinnert sich nicht
    an unsere Nacht am Meer
    Als der Sand von uns wich
    und das Wasser so weich war
    und so leicht wie Nichts
    Als die Luft so kalt war,
    dass meine Hände froren

    Erinnerst du dich ans Meer?
    Ich dachte dort, nur das Nichts
    stünde noch zwischen uns

    Doch so, wie Lavendel uns vom Winter trennt
    trennte das Ende des Tages
    uns damals voneinander

    Ich will den Lavendel ins Haus holen
    Und wenn es dann draußen schneit
    werde ich ihn ansehn und fragen:

    Von all den Chancen, die wir hatten
    war diese letzte nun die eine,
    die du nicht vergessen wirst?

  • Unverheilt

    Briefe an alte Feinde

    Ich liege stumm in der Nacht
    und wünsche mir so sehr
    ich könnte dich vergessen
    wie du mich vergessen hast

    Zwischen uns könnte heute
    alles ganz anders sein
    Und das ist es doch
    was wir damals schon wollten:
    Gute Freunde sein

    Eine Erinnerung wiegt die Nacht
    Ich wünschte ich könnte vergessen was war
    Könnte es gern so leicht vergessen
    wie du offenbar

    Dann könnten wir beide von vorne beginnen
    und ja, ich bin sicher:
    Wir könnten es dieses Mal besser
    Wir wüssten ja schon wie es geht

    Eine Erinnerung wiegt schwer in der Nacht